Tagesschau mit Fake News? Nein! Nur kleine Korrekturen der Wirklichkeit

Von Henryk M. Broder

Gestern hat die Tagesschau in ihrer 20-Uhr-Ausgabe die Debatte über Fake News um zwei schöne Beispiele bereichert. Klicken Sie auf den Link, fahren Sie auf 7:47 vor und schauen sich den Beitrag über den Start der diesjährigen Ostermärsche in Deutschland an. Der Ort, den sich die Tagesschau als irgendwie repräsentativ ausgesucht hatte, heisst Gronau und liegt in Westfalen. 47.000 Einwohner leben in umittelbarer Näher einer Urananreicherungsanlage. Deswegen wird in Gronau und um Gronau herum immer wieder gegen die Atomkraft demonstriert. Gestern waren es, Achtung!, 250 Demonstranten, also ein halbes Prozent der Bevölkerung. Dabei hatten „rund 30 Organistionen“ zum Protest aufgerufen.

Man merkt es der Geschichte an, wieviel Mühe der Reporter der Tagesschau hatte, ein paar Bilder zusammenzukratzen, die dem Anlaß angemessen waren. Am Ende des Berichts hört und sieht man eine Squaw, die schon bei den Demos gegen den NATO-Doppelbeschluss dabei war, ein Lied zur Gitarre singen. Das ist rührend. Und es zeigt, wo die Ostermarschbewegung angekommen ist – in der absoluten Bedeutungslosigkeit. Warum also berichtet die Tagesschau über ein Non-Event, das sie mit Schweigen übergehen würde, wenn es 250 Eisenbahnfreunde wären, die sich einmal im Jahr treffen, um Erinnerungen an den TEE auszutauschen?

Aber es kommt noch besser. Bei 14:42, also ziemlich zum Schuss, berichtet die Tagesschau über eine „Karfreitagsprozession in Berlin“, bei der an die Opfer der Anschläge auf koptische Kirchen am Palmsonntag in Ägypten erinnert wurde. „An der ökumenischen Schweigeprozession nahmen unter anderem der evangelische Bischof Dröge, der katholische Erzbischof Koch und eine Vertrerin der Muslime teil“, sagt eine Stimme aus dem Off, während die Kamera auf eine weißhaarige Frau mittleren Alters zoomt, eben die „Vertreterin der Muslime“, deren Namen zu nennen die Redaktion für unnötig hielt.

Ich kann die Info nachholen. Es war die Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates, eine wunderbare Frau, die unter anderem das Buch Der Islam braucht eine sexuelle Revolution geschrieben hat. Seyran Ates eine Vertreterin der Muslime zu nennen, ist so frivol und so irreführend, als würde man über Beate Uhse sagen, sie sei eine Vertreterin der Deutschen Bischofskonferenz gewesen. An der ökumenischen Schweigeprozession hat kein Vertreter des Koordinierungsrates der Muslime teilgenommen, der seinerseits die vier größten islamischen Organisationen in Deutschland vertritt. Warum sollte ein Muslim an einer Karfreitagsprozession teilnehmen? Es war auch kein Vertreter und keine Vertreterin der Juden dabei. Aber ökumenisch klingt gleich viel schöner, wenn es die Religion des Friedens inkludiert.

Merke: Fake News sind nicht gefaked, wenn sie von der Tagesschau verbreitet werden. Sie geben nur die Sicht der Redaktion wieder.

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