Wenn was in sich zusammenfällt

Die AfD sei „wie ein heißes Soufflé“, erklärte Kanzleramtschef Peter Altmaier bei der Präsentation eines „spannenden Buches“ (Altmaier) mit dem Titel „Angst für Deutschland“, verfasst von der womöglich leicht AfD-kritischen „Spiegel“-Journalistin Melanie Amann. Wie ein Soufflé in sich zusammenfalle, sobald es den Backofen verlasse, so werde es auch jener Partei ergehen, hofft Altmaier. Fotos von seinem gefälligen Auftritt beweisen: Der nibelungentreue Merkelputzer befindet sich zum Glück noch im Berliner Backofen.

Achgut
Keine Partei hat die politische Landschaft der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren so nachhaltig verändert wie die AfD. Ein Buch skizziert deren rasante Entwicklung und präsentiert pikante Einblicke in ihr Innenleben.
Es sagt viel aus über die guten Kontakte von Melanie Amann, aber auch über die Entwicklung der AfD: Die „Spiegel“-Journalistin sitzt mit Peter Altmaier auf einer kleinen Bühne im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. Der Kanzleramtschef stellt ihr Buch „Angst für Deutschland“ vor. Kaum vorstellbar, dass Altmaier der Anfrage nachgekommen wäre, würde es sich um eine belanglose Kleinpartei handeln. Der CDU-Politiker kann noch so oft betonen, dass er der AfD keine große Zukunft vorhersagt. Seine reine Anwesenheit spricht für sich.

Amanns Buch ist das bisher wohl umfangreichste Werk über die Geschichte und die Etablierung der AfD im deutschen Parteiensystem. Deren Erstarken sei „eine der erstaunlichsten und verstörenden Entwicklungen der letzten Jahrzehnte“, schreibt Amann und räumt ein, die AfD unterschätzt zu haben. Sie ging davon aus, diese würde ebenso scheitern wie fast alle rechtskonservativen Parteien vorher.

Weil dies nicht so war, begleitet Amann die AfD seit ihrer Gründung 2013 bis heute. Unter den Journalisten ist sie fast so etwas wie einer der Lieblingsfeinde der AfD. Nicht selten wird sie auf Parteiveranstaltungen im Publikum ironisch-herzlich persönlich begrüßt.

„Doppel P“ gegen den Rest

In ihrem Buch spannt Amann den Bogen von der Vor-AfD-Zeit bis zur Gegenwart. Geistiger Wegbereiter der Partei ist aus ihrer Sicht der SPD-Politiker Thilo Sarrazin, Autor des Buches „Deutschland schafft sich ab“. Amann seziert die verschiedenen Strömungen der Partei und die unterschiedlichen Hinter- und Beweggründe ihrer Protagonisten. Die der von Storchs, Gaulands, Luckes und Höckes. Sie trennt die Partei dabei in zwei Lager, auf der einen Seite die inhaltlich flexiblen „Karrieristen“ um AfD-Chefin Frauke Petry und ihren Ehemann Marcus Pretzell (Spitzname: „Doppel P“), auf der anderen Seite die „Idealisten“ um Alexander Gauland, Beatrix von Storch und Björn Höcke. Amann schildert spannend, wie sich die beiden Lager vor dem Essener Parteitag 2015 gegen den damaligen Parteichef Bernd Lucke verbündeten.

Besonders stark ist Amanns Buch wegen der vielen Details aus dem Innenleben der AfD. Wenn sie Telefonate wiedergibt, als hätte sie daneben gesessen. Wenn sie beschreibt, warum „Protestunternehmerin“ von Storch feiern kann wie wenige in der Partei. Wenn sie unterhaltsame Anekdoten schildert – wie beispielsweise über den Aktenkoffer Alexander Gaulands, „eine Art tragbarer Apothekerschrank“, oder dessen Checkliste an seiner Potsdamer Wohnungstür: „Brille, Handy, Schlüssel“. Aufschlussreich skizziert Amann die komplizierten Freund- und vor allem Feindlinien in der AfD – so dass man sich fragt, was die Partei bei so viel Zerrissenheit überhaupt noch zusammenhält. Amann wagt auch eine Prognose. Sie geht fest davon aus, dass die AfD im Herbst in den Bundestag einzieht. Petry gibt sie jedoch keine große Zukunft. Diese sei zwar telegen und hochintelligent, sie gehe aber nicht davon aus, dass Petry Ende 2017 noch Parteichefin sei.

Altmaier und ein Dilemma

Altmaier lobt Amann für ihr „spannendes Buch“. Sein Respekt vor den Vertretern der AfD sei durch die Lektüre jedoch nicht gerade gewachsen, sagt er. Altmaier will sich „nicht irre machen“ lassen. Er verweist auf die Niederlande, Frankreich und Österreich. Deutschland sei es immer vergleichsweise gut gelungen, rechte Bewegungen klein zu halten. Die Zugewinne der AfD seien „für unsere Verhältnisse beeindruckend“, die Partei sei jedoch weit entfernt von den Erfolgen einer Marine Le Pen oder eines Geert Wilders. Die AfD nehme die Sorgen der Menschen nicht ernst, sondern missbrauche sie „für ihre Propaganda“. Sie vereinige Kritiker des Euros, des Klimawandels und der Einwanderung, habe aber nicht den Anspruch, die unterschiedlichen Positionen zu einer gemeinsamen Politik zusammenzuführen. Altmaier traut der Partei nicht viel zu, diesen Eindruck versucht er zumindest zu vermitteln. Wie sähe es denn auch aus, wenn ein Kanzleramtschef wegen der AfD in Panik verfallen würde?

Dabei hat Altmaier ein gewisses Verständnis für das, was die AfD so stark gemacht hat: die Sorgen vieler Menschen während der Flüchtlingskrise. Politiker ständen in solchen Notsituationen vor einem schwierigen Dilemma. Altmaier vergleicht das mit der Einführung des Euros. Schon damals habe man versprochen, dass die Lage beherrschbar sei. „Wir konnten es aber nicht beweisen“, so Altmaier. Populisten seien in Krisen im Vorteil, rational argumentierende Politiker gerieten hingegen ins Hintertreffen. Die Verantwortung der etablierten Parteien ist Altmaier bewusst: „Wir haben die Aufgabe, solche Situationen zu bewältigen, um der AfD den Boden zu entziehen.“ Teilweise sieht sich Altmaier, der auch Flüchtlingskoordinator der Kanzlerin ist, darin schon bestätigt. So habe die deutliche Reduzierung der Flüchtlinge dazu geführt, dass die AfD in Umfragen zuletzt wieder deutlich abgesackt sei.

Koalitionen mit der AfD schließt Altmaier strikt aus. Er wiederholt eine Prognose, die er schon vor etwa einem Jahr abgab. Die AfD sei „wie ein heißes Soufflé“, das in sich zusammenfalle, sobald es den Backofen verlasse. Ernst nehmen und nicht unterschätzen, rät Altmaier. Auf das Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl angesprochen, sagt er: In kurzen Zeiträumen könne viel passieren, die SPD habe im Januar in Umfragen noch bei 20 Prozent gelegen. Die Botschaft: Die AfD kann theoretisch so schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht ist. Die Betonung liegt auf kann.

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